Der Wesentliche der Beratung ist der Rat. Ein Ratsuchender kommt zu einem Ratgeber, um sich beraten zu lassen. Was aber ist ein Rat? Und dazu noch ein guter?

Ein Rat ist nichts weiter als ein Vorschlag. Eine Empfehlung, dies oder jenes zu tun oder zu lassen. Der Ratsuchende entscheidet, ob und wie er dem Vorschlag folgt. Und allein er beurteilt die Güte des Rates: Vorab schätzt er die Realisierbarkeit, die Erfolgsaussichten, den Nutzen, die Risiken und die Nebenwirkungen ein. Hat er den Rat befolgt, entscheidet allein der Erfolg – aus Sicht des Ratsuchenden! - darüber, ob es ein guter oder ein schlechter Rat gewesen ist.

Na bitte, ganz einfach: Rate einem Menschen, was er tun soll, und du kannst nichts falsch machen: Er entscheidet, er beurteilt. Als Ratgeber bist du fein raus!

Würde ich meine Kunden und Klienten nach dieser Maxime beraten, hätte ich meinen Beruf längst aufgeben müssen. Denn als Berater trage selbstverständlich auch ich Verantwortung für das, wozu ich rate.

 

„Ratschläge sind auch Schläge“

lautet eine Redewendung – und trifft damit leider allzu häufig den Nagel auf den Kopf. Wer kennt nicht den Satz „Ich würde …“ oder, noch deutlicher: „Ich an deiner Stelle würde …“ Wer auf diese Weise einem Anderen einen Rat gibt, ist gedanklich und emotional bei sich und nicht bei dem Anderen. Nicht beim Ratsuchenden. Denn was für den Ratgeber richtig ist, muss für den Ratsuchenden noch lange nicht das Richtige sein. Ist der Ratgeber ein mutiger Mensch, rät er dem Ratsuchenden womöglich etwas, was dieser aus Angst nie und nimmer tun wird. Ist der Ratgeber extravertiert, kann es sein, dass er seinem introvertierten Gegenüber etwas empfiehlt, was dieser aus Scham nicht einmal versuchen würde.

Dennoch ist es nicht vollends verfehlt, dem Ratsuchenden ein Verhalten, eine Handlung, eine Entscheidung, eine Strategie, eine Taktik zu empfehlen, die über das hinausgeht, was für ihn das Nächstliegende ist. Der Ängstliche bohrt, seiner Natur und Gewohnheit entsprechend, das dünnste Brett. Er kommt nicht einmal auf die Idee, „nein“ statt „ja“ zu sagen oder gar sich zu wehren anstatt wegzulaufen.

Wenn ich, als Berater, einem ängstlichen Klienten vorschlage, das zu tun, was seiner Ängstlichkeit entspricht, dann braucht er meinen Rat nicht. Er könnte auch allein auf die seinem „Sosein“ entsprechenden Ideen kommen. Nein, er braucht mich deshalb, weil ich ihm andere, neue Sichtweisen und Handlungsperspektiven eröffne. Weil ich ihm etwas vorschlagen kann, worauf er von selber nicht gekommen wäre. Die Kunst liegt darin, einerseits die inneren Handlungsgrenzen des Klienten zu achten, andererseits jedoch zu erkennen, wo und in welchem Maße Grenzerweiterungen oder gar -überschreitungen möglich, zielführend und erfolgsversprechend sind.

 

Von Beratung zum Coaching – eine fließende Grenze

So gesehen ist Beratung immer auch ein Akt der Unterstützung eines ratsuchenden Kunden oder Klienten darin, sein Verhalten grundsätzlich zu optimieren, sein Verhaltensrepertoire zu erweitern, ja, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Ist der Ratsuchende bereit, sein gewohntes Tun selbstkritisch zu betrachten und ist er daran interessiert, sich generell weiter zu entwickeln, dann verfließt die Grenze zwischen Beratung und Coaching.

Ich habe mehrere Klienten, mit denen ich vereinbart habe, sie zu beraten und zu coachen, auch wenn die einen offiziell zur „Beratung“ kommen und die anderen zum „Coaching“.

 

„Reine“ Beratung

Trotz des wechselseitig fließenden Übergangs von Beratung zum Coaching gibt es „reine“ Beratungssituationen,

  • wenn ein Klient explizit Fachwissen vermittelt haben möchte
  • oder für eine konkrete Fragestellung um meine Einschätzung bittet.

In diesen Fällen wird entweder mein Rat als Fachmann für Mitarbeiterführung und Zusammenarbeit oder, generell, als Psychologe gewünscht.